K wie kaputt. Gäbe es für 1945 ein Wort des Jahres, es wäre "kaputt". Das Lehnwort aus dem Französischen stammt aus der Sprache der Kartenspieler und heißt "schwarz, ohne Stich". In die deutsche Sprache gelangte "kaputt" im Dreißigjährigen Krieg.* (*PZ, Wir in Europa, Nr. 81 Bonn, Februar 1995)

Die Schüler sollten eine Geschichte fortführen, um sich beim kreativen Schreiben über Kriegsfolgen, Befreiung und Neubeginn im Nachkriegsdeutschland Gedanken zu "machen".

... "Jetzt wird alles wieder gut?"

In meinem Inneren war ich noch nicht soweit zu sagen  „Jetzt wird alles wieder gut!". In mir sah ich Dinge und Ereignisse, welche meine Mutter hoffentlich nicht gesehen hatte. In den letzten beiden Jahren waren sie in Gedanken bei mir, lebten mit der Angst, dass ich falle oder in Gefangenschaft gerade. Hofften, dass wenigstens ich lebend nach Hause kommen würde. Ich kam mehr oder weniger lebendig zurück. Mit 17 Jahren sagen zu müssen: "Ich habe im Krieg gekämpft, für mein Vaterland; ich habe mein Leben riskiert und Leben genommen, für mein Vaterland!", ist nicht die Vorstellung gewesen, die ich hatte, als man mich mit 15 einzog und an die Front schickte. Vaterland!? Was ist das für ein Vaterland gewesen, dass sein Volk belogen und betrogen hat und selbst seine Kinder in den Krieg schickt um unschuldige Menschen zu verfolgen und zu töten. Wie weit hat man uns in unserer Vaterlandstreue und -liebe gebracht. Ich schämte mich der Gräueltaten und war doch nur froh wieder daheim zu sein. Ich weinte, nicht nur aus Erschöpfung, sondern auch um all Derer, die unter diesem Krieg gelitten haben und immer noch leiden mussten. Nun stehe ich mit Tränen in den Augen vor meiner Mutter und geliebten Schwester und freue mich einerseits sie wieder in die Arme nehmen zu können und anderseits sehe ich mit Bestürzung die Spuren der Not und des Leidens der letzten Jahre an ihren Körpern. Der Krieg hat nicht nur die Häuser in den Städten und Dörfern zerstört, nein!, auch und vor allem das Leben aller Menschen in den Familien, welche sich soviel von den Versprechungen ihres Führers erhofft hatten.
Wie naiv wir doch alle waren!

Es war ein langer Tag gewesen und inzwischen spät geworden. Die Sonne ging unter und das Abendrot brach sich unwirklich in den Trümmern der Häuser und Straßen. Ich hielt meine kleine Schwester fest in den Armen, wollte ihr Wärme geben, sie beschützen und das sie sich wieder sicher fühlt. Das sie weiß, das Schlimmste ist überstanden, auch wenn mir zum Teil selbst noch der Glauben daran fehlte. Ich war so müde. Als ich am nächsten Morgen erwachte, hoffte ich, dass alles nur ein böser Traum war und der Alltag, wie ich ihn gewohnt gewesen bin, mich aus dem Bett treibt. Doch mit lautem Gerümpel und Geschrei nahm die Realität von mir Besitz.

Auf der Straße war schon ein geschäftiges Treiben. Ich stand da, bewegte mich keinen Millimeter und lies das Geschehen auf mich wirken. Ausgehungerte, zerlumpte und trauernde Männer, Frauen und Kinder kämpften mit dem Mut der Verzweifelten gegen Elend, Armut, Hunger, Angst und Hilflosigkeit an. Die Aufgaben waren klar verteilt und die Menschen erstaunlich gut organisiert. Die Frauen und meist alte Männer schleppten Trümmer und sortierten aus diesen noch verwertbare Dinge für das alltägliche Leben. Die Kinder halfen wo sie konnten und sammelten auch Brennnesseln und Eicheln und alles was als Nahrung taugte. Doch die Menschen halfen sich wo sie konnten und waren zum Teil auch sehr erfinderisch. Aus alten Stahlhelmen wurden Siebe und Töpfe gemacht und aus Gasmasken Gieskannen. Der Schwarzmarkt war zum großen Handelsplatz geworden und blühte. Ein Pfund Butter z.B. bekam man für 320 Reichsmark. Ein halbes Pfund hielt man für die Familie zurück und mit der Anderen wurde weiter gehandelt. Dafür bekam man dann 50 Zigaretten. 10 davon behielt man wieder für den Eigenbedarf und für 40 ergatterte man eine Flasche Schnaps und Wein. Der Wein für die Familie und mit dem Schnaps schickte Mutter mich aufs Land um ihn wiederum gegen 2 Pfund Butter oder andere Nahrungsmittel einzutauschen. Wer konnte fuhr aufs Land um Kartoffeln stoppeln zu gehen und bei den Bauern um Lebensmittel zu feilschen und zu hamstern. Damit betrieb man dann ebenso wieder Handel. Es war ein reiner Kampf ums Überleben und gegen das Hungern. Mutter sparte sich jeden Bissen vom Munde ab um meiner Schwester und mir soviel Essen wie möglich geben zu können und trotzdem waren wir mehr als mager. Ein Jahr später schaffte es meine Mutter sogar, für den Geburtstag meiner Schwester, die Zutaten für einen Kuchen zu besorgen. Was für ein Tag!

Fast ein bisschen normal, wie früher. Wir lachten und scherzten und konnten für einen Augenblick die Schwere des Alltags vergessen. Jeder Tag an dem ein vermisster Ehemann oder Sohn nach Hause kam, war ein Festtag. Doch mit den Heimkehrern kamen auch die Vertriebenen aus dem Osten. Heimatlose ohne Hab und Gut, welche so gut wie es ging auch mit untergebracht, noch mehr Mäuler die gestopft werden mussten und nicht unbedingt mit offenen Armen aufgenommen wurden.

Die Zeit verging und auch wenn die Trümmer noch lange nicht beseitigt waren, so sah man doch die Zeichen des Wiederaufbaus. Alle arbeiteten Hand in Hand für ein neues, besseres und vor allem friedliches und gerechtes Land. Die Hoffnung darauf trieb die Menschen an durchzuhalten und mit den kleinen Erfolgen kam auch die Lebensfreude wieder, welche sie so dringend brauchten um neue Kraft zu schöpfen um an ihrem Ziel weiter zu arbeiten. Die Worte meiner Mutter bei meiner Heimkehr kamen mir wieder in den Sinn: „Jetzt wird alles wieder gut!" Langsam konnte auch ich daran glauben, auch wenn es noch ein langer Weg sein wird. Wie damals stand ich gerührt mit Tränen in den Augen vor ihr, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte: „Ja, es wird alles wieder gut!"

(Schülerarbeit von M.M.H., 9/2011)